Erfinder der Anti-Laber Formel: Thilo Baum im Interview Speaking Brands: Thilo, Prägnanz ist eine Voraussetzung für erfolgreiche Markenidentitäten. Auch in deinem Buch „Komm zum Punkt!“ widmest du dich diesem Thema. Was hat Rhetorik mit Marketing gemein? Rhetorik ist die Kunst, sich klar auszudrücken. Und Marketing bedarf klaren Ausdrucks. Die Leute sind das schwammige Corporate Geschwätz vieler Unternehmen leid – und ihre Erfahr- ungen mit beispielsweise IT-Produkten stehen in einem immer krasseren Verhältnis zu den Marketingaussagen mancher Firmen. Schluss mit “Corporate Geschwätz” Rhetorik ist also fürs Marketing enorm wichtig: Es geht um die richtige Ansprache. Je nachdem, wie ich rhetorisch auftrete, glauben die Leute mir oder schimpfen mich einen Lügner und Betrüger. In deinen Seminaren redigierst du live Marketing-Materialien der Teilnehmer. Was sind deiner Erfahrung nach die häufigsten Fehler in der Erstellung von Flyern, Websites etc.? Die meisten Leute gehen viel zu sehr von sich aus. Sie sehen sich selbst, ihr Produkt und ihren Wunsch, damit Geld zu verdienen. Was sie oft völlig übersehen, ist die Sicht der Kunden. Und die wollen einen möglichst großen und sinnvollen Nutzen für ihr Geld. Leider vermitteln viele Flyer und Webseiten den Nutzen nicht, sondern bringen nur das Produkt. Das Produkt ist vielleicht: “Leierkastenfrau”. Was mir das bringt, verschweigt der Flyer: “Nostalgiemusik für Ihr Fest!”. Oder die Leute beantworten nahe liegende Fragen nicht: Der Flyer einer Physiotherapie beispielsweise zeigte kein Foto derer, die mich da angrapschen wollen. Das will ich als Kunde aber sehen! Die richtige Ansprache Dass die Macher des Flyers ihre Leute kennen, ist mir schon klar. Die sollten sich aber lieber in meine Perspektive als Externer versetzen. Deine Auffassung von Rhetorik unterscheidet sich von vielen Anbietern, die u.a. Dinge wie Körperbewusst-sein und Selbstsicherheit trainieren: Warum? Wer etwas Sinnvolles zu sagen hat, gewinnt Authentizität und Überzeugungskraft aus seinen Worten. Wenn mich jemand überzeugt und mit seinen Ideen oder Produkten begeistert und einen wirklichen Nutzen für mich hat, ist es mir egal, ob er sich auf der Bühne mal zur falschen Seite umdreht oder sich verhaspelt. Zugleich ist es fatal, wie viele Rhetoriktrainer das Pferd von hinten aufzäumen: Alleine durch Gestik-Theater gelangt man nicht zu einem glaubwürdigen Auftritt. Die ständige Arbeit an gekünstelter und abgezirkelter Körpersprache macht steif. Glaubwürdigkeit statt Gestik-Theater Der Kontrollzwang über die eigenen Bewegungen lässt Gefühle, Intuition und Muße verloren gehen. Man bringt sich schlimmstenfalls in einen üblen Verdacht: Wer sich so inszenieren muss, wird Gründe haben. Ist man am Ende etwa eine Luftpumpe oder will den Leuten Müll andrehen? Du hast selbst über 300 Vorträge gehalten – was ist in deinen Augen ein guter Vortrag? Bei einem guten Vortrag merkst du nicht, wie die Zeit vergeht. Ein guter Vortrag ist wie ein guter Film. Ein guter Vortrag ist wie ein guter Film Der Redner muss eine Story bringen, und die Dramaturgie muss stimmen. Der Inhalt muss den Leuten etwas bringen, und das Zuhören muss Spaß machen. Und das bedeutet im Grunde das Verbot sämtlicher Klischees. Das heißt für alle Redner: nicht bei anderen abkupfern. Nicht Witze abschreiben, sondern lieber selber denken. Mutig sein, wichtige Inhalte zuspitzen und man selbst sein. Nicht zwanghaft bringen, was die Leute angeblich wollen. Kontrovers sein. Das Einstudieren vor Kamera oder Spiegel bleiben lassen und ganz normal und menschlich agieren. Normal und menschlich agieren Keine Rolle spielen, sondern seine rhetorische Wucht und den Eindruck durch die Person allein aus dem Inhalt und der glaubwürdigen Darstellung gewinnen. Thilo Baum, Klartext-Experte Thilo Baum, geboren 1970, studierte Publizistik und Theaterwissen- schaft mit dem Schwerpunkt Film und Dramaturgie und schrieb parellel für Zeitungen. 2004 machte sich Baum nach einer Karriere als Tageszeitungs- redakteur als Seminarentwickler und- veranstalter selbstständig. Er lebt heute in der Prignitz (Brandenburg) und hat ein Büro in Berlin. Zurück zu Speaking People Archiv Speaking People Die wichtigsten Themen: Stop! Schwätzer entlarven und bändigen • „Denglish“ – wenn es passt •  Lexikon der guten und schlechten Wörter • Methode „Hollywood“: Wie Sie Spannung erzeugen • Perfekt frei sprechen